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Interview mit Günter Schmidinger
Der Oberösterreicher Günter Schmidinger zählte zu den größten Talenten des Österreichischen Motocross-Sport. Im Jahre 2006 feierte der 31-Jährige seinen ersten großen Erfolg, indem er den ADAC Youngster Cup im Alter von 19 Jahren gewinnen konnte. Bis 2014 gewann er insgesamt 5 Staatsmeistertitel und 2011 krönte er sich zum ADAC MX Masters Champion. Beim Staatsmeisterschaftslauf 2017 in Seitenstetten kam der Waldneukirchner im Training zu Sturz und zog sich eine schwere Verletzung im Knie zu
Nach der Verletzung vor 1 ½ Jahren wurde es ruhig um Günter Schmidinger. Ein Comeback im Rennzirkus konnte der Husqvarna Pilot bis heute nicht geben. Wir haben beim sympathischen Oberösterreicher nachgefragt, wie es ihm seit seiner Verletzung ergangen ist.

Günter, was genau hast du dir beim Rennen in Seitenstetten im Knie verletzt?
In Seitenstetten hat es mir den Fuß nach vorne hochgeklappt, als das Bike abrupt an der Streckenbegrenzung (Bahnschwelle) stehen blieb und mein Körper noch weiterflog. Dadurch hatte ich eine Knieluxation mit Riss aller Bänder. Dadurch wurde auch die Arterie beschädigt und es gab keine Durchblutung mehr im unteren Bein. Als der Hubschrauber kam weigerte sich dieser mich nach Linz zu fliegen, obwohl dies vom Notarzt vor Ort so geplant war. Das war mein Pech, denn in Amstetten ging dann alles schief. Das Knie wurde mir eingerenkt, jedoch wurde bei den Bändern nichts gemacht und auch kein Fixateur angelegt. Ein Gefäßchirurg machte eine Bypass OP an der Arterie, das wie sich später herausstellte, nicht von Dauer war. Dann wurde ich relativ schnell entlassen und auch noch die Thrombosespritze wurde vergessen zu verschreiben und daraus resultierend bekam ich auch noch eine Thrombose. Im LKH Steyr wurden mir dann die richtigen Medikamente usw. verschrieben und Dr. Hofer koordinierte die weitere Vorgangsweise mit Prof. Fink von Gelenkpunkt in Innsbruck, der die Bänder im Herbst operieren sollte. Leider stellte man im Oktober (bei Untersuchungen für die Knie OP) fest, dass der Bypass zugegangen ist und fast keine Durchblutung mehr im Bein war. Ich bekam einen Termin auf der Gefäßchirurgie bei den Barmherzigen Brüdern in Linz, wo Primar Hinterreiter und mehrere Oberärzte über 6 Stunden operierten. Die größte Vene von meinem Oberschenkel wurde entnommen und durch das Knie neu verlegt, als Ersatz des kaputten Arterien- und Bypass Stückes als neue Arterie. Bei dieser OP hatte ich viel Blut verloren und war mehrere Tage sehr geschwächt. Aber Primar Hinterreiter und seiner Abteilung verdanke ich, dass das Bein nicht amputiert werden musste. Es folgte eine monatelange Einnahme von Schmerzmittel und auch starker Blutverdünner. Wöchentliche Blutabnahmen waren an der Tagesordnung. Später war ich dann lange Zeit im Rollstuhl mit ausgestrecktem Fuß, durfte aber immer noch keine Therapie zur Sicherheit des Gefäßes durchführen.

Danach kam schön langsam das nächste Problem. Da die Knie-OP ohne Blutsperre zu machen war, wollte eigentlich niemand mehr operieren, wegen dem Risiko, dass bei der OP ein Gefäßverschluss mit Beinverlust im Raum stand. Prof. Fink aus Innsbruck hatte in der Privatklinik auch keine Möglichkeit, da bei der OP ein Gefäßchirurg dabei sein sollte, falls es zu Komplikationen kommt. Damit kam ich dann auf Empfehlung Mitte April 2018 nach Feldkirch (Vbg.) wo Primar El Attal als guter Kniespezialist und auch ein Gefäßchirurg am selben Standort waren. Diese beiden Ärzte konnten die OP planen und auch in der Folge durchführen. Beide Kreuzbänder und ein Seitenband wurden neu gemacht (mit Leichensehnen aus USA) . Nach zwei Wochen durfte ich dann nach Hause und mein Bein hatte ich noch, was für mich alleine schon ein Erfolg war, da bis zu diesem Zeitpunkt immer noch eine Abnahme des Beins im Raum stand.
Wie lange hat deine Rehabilitation gedauert und wie ist sie verlaufen?
Einige Wochen später konnte ich bei der Sporttherapie in Wels nach genauen Angaben von den Ärzten mit der passiven Therapie beginnen und dann auch nach weiteren Wochen den Rollstuhl auf die Seite stellen und mit Krücken gehen. Im September und Oktober war ich dann in Bad Häring auf Reha und alle wollten mich umschulen und in ein Büro oder ähnliches setzen. Das war nicht mein Ziel und ich trainierte hart und therapierte mit allen Möglichkeiten. Prof. Fink, bei dem ich immer wieder war, sagte dass ich frühestens ab 2019 wieder MX fahren probieren könnte, jedoch Schifahren oder Fußball, d. h. Sportarten mit Verdrehungen des Knie, würden ab sofort für mich nie mehr möglich sein.
Im Dezember fuhr ich dann zu Ortema nach Deutschland und ließ mir eine Orthese speziell für meine Umstände machen, die fast wie ein Gips stabilisiert und mir eine Möglichkeit gibt wieder aufs Bike zu steigen. Ohne diese spezielle Ortema Orthesen könnte ich definitiv nicht mehr fahren, da ich schon im normalen Alltag Probleme mit Instabilität habe. Langes Stehen, oder Laufen geht nicht. Die Therapie in Wels mache ich immer noch. Das Knie ist sehr instabil und ich muss alles mit Muskelaufbau so weit wie möglich kompensieren, was auch schwierig ist, da viele Sehnen und Muskeln entweder beim Sturz gerissen sind oder bei den Gefäßoperationen durchtrennt werden mussten. Aufgrund der langen Ruhigstellung ist die Funktion des Knie auch nach der OP noch sehr eingeschränkt. Vielleicht muss man auch in 2 Jahren nochmals operieren, vorerst bin ich aber froh das Bein noch zu haben.

Beeinträchtigt dich die Verletzung auch heute noch?
Ja es ist jeden Tag gegenwärtig, aber man gewöhnt sich an alles und lernt damit umzugehen. Bei zu langem Stehen bekomme ich geschwollene Beine, bei langem oder falschem Sitzen schläft der Fuß ein usw. das hängt mit der Durchblutung zusammen. Das Venen- und Lymphsystem ist auch nicht mehr normal. Die neu eingesetzte Vene muss ja erst eine richtige Arterie werden, das kann lange dauern oder gar nicht mehr perfekt werden. Das sieht man erst in ein paar Jahren. Vom Knorpelschaden ganz zu schweigen hat das Knie für die Zukunft ein Ablaufdatum und ich muss mir gut überlegen welche Belastungen und Sportarten gut für mich sind.
Wir haben gehört, dass du wieder als Testfahrer am Motorrad sitzt. Wie fühlt es sich an, nach so langer Zeit wieder Motorrad zu fahren?
Super! Das war die ganze Zeit mein Ziel, ich habe mich nach 17 Monaten Krankenstand gesund geschrieben und musste es einfach versuchen. Dass ich nicht mehr Rennen fahren kann war mir schon länger klar, aber das klare Ziel war dann überhaupt noch fahren zu können, da mir ja alle davon abgeraten haben. Ehrlich gesagt war ich schon nervös am Anfang, da mir das Risiko schon bewusst war und ich es mir selber nicht recht zugetraut habe.

Besteht noch eine Möglichkeit an ein Comeback im Rennsport?
Da ich auch Blutverdünner nehmen muss und im Sommer wieder eine Kontrolle habe ist ein Comeback ausgeschlossen, da das Risiko viel zu groß ist. Ich darf am Knie absolut nichts mehr gefährden.
Wie geht es dir heute, nachdem wir über ein Jahr nichts mehr von dir gehört haben?
Soweit ganz gut, ich bin zufrieden nach dem was ich durch gemacht habe liegt die Latte nicht allzu hoch.
Wie sehen deine Zukunftspläne aus?
Zurzeit weiß ich das nicht. Ich lasse das auf mich zukommen und mal schauen wie es sich entwickelt.
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